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2. Juli 2003, 02:10, Neue Zürcher Zeitung

Zur Genese der Flower-Power-Generation

Ed Sanders' satirische Trilogie auf die wilden sechziger Jahre

Unter Beizug dreier ausgewiesener Übersetzer hat der Hannibal-Verlag die 41 Geschichten umfassende Trilogie «Tales of Beatnik Glory» (1975-97) von Ed Sanders im deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht. Die Sammlung, in der Sanders auf über 800 Seiten den Protagonisten Sam Thomas detailreich die eigenen Erfahrungen während der ereignisreichen sechziger Jahre nachleben lässt, hat Allen Ginsberg einmal als «Meilenstein historischer Archäologie» bezeichnet.

Ed Sanders wurde 1939 in Kansas City geboren, verliess 1958 die Missouri University und zog durch die Staaten, bevor er in New York das Studium der alten Sprachen aufnahm, das er mit einem B. A. in Griechisch abschliessen sollte. Bald tauchte er am Rand der Beat-Szene im Greenwich Village auf: «Als die Beatniks den Hippies Platz machten, war Sanders bei diesem Wendepunkt dabei, lenkte die Ströme und wurde zu einer prägenden Figur», meinte Burroughs zu Sanders' damaliger Rolle. Sanders gehört also zu der Generation, die Jack Kerouacs Konzept der «beatitude» in manifeste Aktionen für Frieden und soziale Gerechtigkeit transformierte. Als der kaum 22-jährige Sanders 1961 an einem Protestmarsch gegen die atomare Aufrüstung teilnahm, wurde er verhaftet; in der Gefängniszelle schrieb er sein erstes langes Gedicht, «Poem from Jail», dessen Entstehungsumstände ausführlich in den «Tales of Beatnik Glory» geschildert werden. Auch zur Erhellung der Publikationsstrategien, welche die künstlerische Avantgarde der jungen Linken in New York erfinderisch entwickelte, bietet Sanders viele konkrete Auskünfte. Denn von 1962 bis 1965 brachte der umtriebige Beatnik 13 Nummern von «Fuck you!» heraus, einem radikal antibürgerlichen, ständig von der Zensur bedrohten Magazin, das legendären Ruhm erlangen und z. B. 1968 Ralf-Rainer Rygullas wegweisender Anthologie US-amerikanischer Underground-Gedichte den Titel leihen sollte, dem Vorläufer von «Acid», der von Rygulla und Rolf Dieter Brinkmann 1969 edierten Textsammlung zur US-Szene.

Schon an Anti-Kriegs-Demonstrationen war der energiereiche Student durch lautstarkes Rezitieren von Gedichten und wütendes Intonieren einschlägiger Lieder aufgefallen. 1965 wurden in spontanen Sessions mit Tuli Kupferberg und Ken Weaver in dem von Sanders betriebenen Peace Eye Bookstore an der Lower East Side die Fugs geboren. Deren Programm war aspiriert: Sie wollten «die enormen technischen Fortschritte der modernen Poesie (die Revolutionen von Ginsberg, Robert Creeley, W. C. Williams, Ezra Pound & dem grossen O - Charles Olson) musikalisch umsetzen». Somit arbeiteten die Fugs an der poetischen Explikation der Popmusik mit, wobei sie in ihrem politischen und hedonistischen Ansatz Affinitäten etwa zu Country Joe And The Fish, Frank Zappas Mothers of Invention oder Lou Reeds Velvet Underground aufwiesen. Die couragierten Texte der Fugs, die sie, wie Sanders erzählt, zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit anstimmten - ob auf Friedensmärschen oder umstellt von gewaltbereiten Rednecks und Ku-Klux-Klan-Mitgliedern -, wirkten anstiftend, transatlantisch. So inspirierte ihr Song «Supergirl», um nur ein Beispiel zu geben, Urban Gwerder zur Übertragung ins Schweizerdeutsche; mit dem Hippie-Mundart-Gedicht «Wundermaitli» hiess Gwerder 1984 die Fugs in der Roten Fabrik willkommen.

1969 schloss Sanders seinen Buchladen und zog nach Kalifornien, um die Spurensicherung für sein nächstes Projekt aufzunehmen: einen Dokumentarroman über das Leben des charismatischen Kapitalverbrechers Charles Manson. Sanders' Roman «The Family» (1971) ist mit Insider- Kenntnissen förmlich gespickt. Konkreta in die Literatur einzubinden, ist das ureigene Bestreben dieses Autors, wobei er - in seiner Poesie und mehr noch in den Geschichten aus den Sixties - Elemente seiner enzyklopädischen klassischen Bildung mit dem Slang der Freaks, ihrer esoterischen, eklektizistischen Bilderwelt und ihrer eigenwillig versponnenen Mode kurzschliesst. Durch diese Technik zeigt Sanders in den «Tales of Beatnik Glory» u. a. den dionysischen Kern der Hippie-Bewegung auf, doch gelingt es ihm durch die lockere, spontane Verknüpfung diverser Elemente auch, das Korsett der Akademisierung vom lebendigen Leib der griechischen Antike oder von den Wundern der altägyptischen Hieroglyphen zu lösen und diese mitten in der sozial randständigen Grossstadt-Bohème neu zum Sprechen zu bringen.

Dennoch ist es vor allem Sanders' politischer Elan, der den «Tales of Beatnik Glory» bis heute eine aktuelle Lesart garantiert; etwa wenn er blumig erzählt, wie die anwachsenden Friedensdemonstrationen erst nationale, dann internationale Aufmerksamkeit erlangten und schliesslich eine breite Kritik an der US-amerikanischen Aussenpolitik entfachten. Über die Organisation der Friedensbewegung weiss Sanders im Detail Bescheid; zum Beispiel druckt er «zum heiligen Gedenken an Herodot» die «Regeln für die Teilnehmer und Sympathisanten des Memphis-Washington-Friedensmarsches» von 1962 «im vollen Wortlaut» ab. In solcher Treue werden die «Tales of Beatnik Glory» Ginsbergs eingangs zitierter Einschätzung gerecht. Sie schildern nicht nur Sanders' Verehrung für die glorreichen «Göttinnen der Slums» (Sex), seine Ausflüge ins Reich der Halluzinogene (Drugs) sowie Anekdoten über die Fugs (Rock'n'Roll), sondern widerspiegeln exemplarisch die politischen Auseinandersetzungen der Flower-Power-Generation mit dem Pentagon und dokumentieren repräsentativ die subkulturellen Strategien der New Yorker Linken gegen das politische Establishment.

Die «Tales of Beatnik Glory» erzählen genau zehn Jahre (1957-67) aus dem Leben ihres Autors, doch versprach dieser im Vorwort zum zweiten Band der deutschen Ausgabe, einen vierten Band seiner Chronik mit weiteren Hippie- Vignetten aus den ereignisreichen Jahren 1968 bis 1969 nachzuliefern. Wir würden uns freuen, da Sanders mit einer gehörigen Portion Selbstironie zu erzählen weiss - und ohne Verbitterung, doch voll satirischem Witz, denn die schrägen Vögel von der Lower East Side geben, wie man sich denken kann, zu anhaltender Heiterkeit Anlass.

Florian Vetsch

Ed Sanders: Sommer der Liebe / Tales of Beatnik Glory. Aus dem Amerikanischen von Erwin Einzinger. Hannibal-Verlag. St. Andrä-Wördern 1997. 260 S., Fr. 35.-.

Ders.: Die Freaks von Greenwich Village / Tales of Beatnik Glory. Aus dem Amerikanischen von Pociao. Hannibal-Verlag, St. Andrä-Wördern 1998. 320 S., Fr. 35.-.

Ders.: East Side Blues / Tales of Beatnik Glory. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid. Hannibal-Verlag, Höfen 2002. 268 Seiten. Fr. 35.90.

 

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