Unter Beizug dreier ausgewiesener Übersetzer hat der Hannibal-Verlag
die 41 Geschichten umfassende Trilogie «Tales of Beatnik Glory» (1975-97)
von Ed Sanders im deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht. Die Sammlung,
in der Sanders auf über 800 Seiten den Protagonisten Sam Thomas detailreich
die eigenen Erfahrungen während der ereignisreichen sechziger Jahre nachleben
lässt, hat Allen Ginsberg einmal als «Meilenstein historischer Archäologie»
bezeichnet.
Ed Sanders wurde 1939 in Kansas City geboren, verliess 1958
die Missouri University und zog durch die Staaten, bevor er in New York
das Studium der alten Sprachen aufnahm, das er mit einem B. A. in Griechisch
abschliessen sollte. Bald tauchte er am Rand der Beat-Szene im Greenwich
Village auf: «Als die Beatniks den Hippies Platz machten, war Sanders bei
diesem Wendepunkt dabei, lenkte die Ströme und wurde zu einer prägenden
Figur», meinte Burroughs zu Sanders' damaliger Rolle. Sanders gehört also
zu der Generation, die Jack Kerouacs Konzept der «beatitude» in manifeste
Aktionen für Frieden und soziale Gerechtigkeit transformierte. Als der
kaum 22-jährige Sanders 1961 an einem Protestmarsch gegen die atomare Aufrüstung
teilnahm, wurde er verhaftet; in der Gefängniszelle schrieb er sein erstes
langes Gedicht, «Poem from Jail», dessen Entstehungsumstände ausführlich
in den «Tales of Beatnik Glory» geschildert werden. Auch zur Erhellung
der Publikationsstrategien, welche die künstlerische Avantgarde der jungen
Linken in New York erfinderisch entwickelte, bietet Sanders viele konkrete
Auskünfte. Denn von 1962 bis 1965 brachte der umtriebige Beatnik 13 Nummern
von «Fuck you!» heraus, einem radikal antibürgerlichen, ständig von der
Zensur bedrohten Magazin, das legendären Ruhm erlangen und z. B. 1968 Ralf-Rainer
Rygullas wegweisender Anthologie US-amerikanischer Underground-Gedichte
den Titel leihen sollte, dem Vorläufer von «Acid», der von Rygulla und Rolf
Dieter Brinkmann 1969 edierten Textsammlung zur US-Szene.
Schon an Anti-Kriegs-Demonstrationen war der energiereiche
Student durch lautstarkes Rezitieren von Gedichten und wütendes Intonieren
einschlägiger Lieder aufgefallen. 1965 wurden in spontanen Sessions mit
Tuli Kupferberg und Ken Weaver in dem von Sanders betriebenen Peace Eye
Bookstore an der Lower East Side die Fugs geboren. Deren Programm war aspiriert:
Sie wollten «die enormen technischen Fortschritte der modernen Poesie (die
Revolutionen von Ginsberg, Robert Creeley, W. C. Williams, Ezra Pound &
dem grossen O - Charles Olson) musikalisch umsetzen». Somit arbeiteten die
Fugs an der poetischen Explikation der Popmusik mit, wobei sie in ihrem
politischen und hedonistischen Ansatz Affinitäten etwa zu Country Joe And
The Fish, Frank Zappas Mothers of Invention oder Lou Reeds Velvet Underground
aufwiesen. Die couragierten Texte der Fugs, die sie, wie Sanders erzählt,
zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit anstimmten - ob auf Friedensmärschen
oder umstellt von gewaltbereiten Rednecks und Ku-Klux-Klan-Mitgliedern
-, wirkten anstiftend, transatlantisch. So inspirierte ihr Song «Supergirl»,
um nur ein Beispiel zu geben, Urban Gwerder zur Übertragung ins Schweizerdeutsche;
mit dem Hippie-Mundart-Gedicht «Wundermaitli» hiess Gwerder 1984 die Fugs
in der Roten Fabrik willkommen.
1969 schloss Sanders seinen Buchladen und zog nach Kalifornien,
um die Spurensicherung für sein nächstes Projekt aufzunehmen: einen Dokumentarroman
über das Leben des charismatischen Kapitalverbrechers Charles Manson. Sanders'
Roman «The Family» (1971) ist mit Insider- Kenntnissen förmlich gespickt.
Konkreta in die Literatur einzubinden, ist das ureigene Bestreben dieses
Autors, wobei er - in seiner Poesie und mehr noch in den Geschichten aus
den Sixties - Elemente seiner enzyklopädischen klassischen Bildung mit
dem Slang der Freaks, ihrer esoterischen, eklektizistischen Bilderwelt und
ihrer eigenwillig versponnenen Mode kurzschliesst. Durch diese Technik
zeigt Sanders in den «Tales of Beatnik Glory» u. a. den dionysischen Kern
der Hippie-Bewegung auf, doch gelingt es ihm durch die lockere, spontane
Verknüpfung diverser Elemente auch, das Korsett der Akademisierung vom
lebendigen Leib der griechischen Antike oder von den Wundern der altägyptischen
Hieroglyphen zu lösen und diese mitten in der sozial randständigen Grossstadt-Bohème
neu zum Sprechen zu bringen.
Dennoch ist es vor allem Sanders' politischer Elan, der den
«Tales of Beatnik Glory» bis heute eine aktuelle Lesart garantiert; etwa
wenn er blumig erzählt, wie die anwachsenden Friedensdemonstrationen erst
nationale, dann internationale Aufmerksamkeit erlangten und schliesslich
eine breite Kritik an der US-amerikanischen Aussenpolitik entfachten. Über
die Organisation der Friedensbewegung weiss Sanders im Detail Bescheid;
zum Beispiel druckt er «zum heiligen Gedenken an Herodot» die «Regeln für
die Teilnehmer und Sympathisanten des Memphis-Washington-Friedensmarsches»
von 1962 «im vollen Wortlaut» ab. In solcher Treue werden die «Tales of
Beatnik Glory» Ginsbergs eingangs zitierter Einschätzung gerecht. Sie schildern
nicht nur Sanders' Verehrung für die glorreichen «Göttinnen der Slums» (Sex),
seine Ausflüge ins Reich der Halluzinogene (Drugs) sowie Anekdoten über
die Fugs (Rock'n'Roll), sondern widerspiegeln exemplarisch die politischen
Auseinandersetzungen der Flower-Power-Generation mit dem Pentagon und dokumentieren
repräsentativ die subkulturellen Strategien der New Yorker Linken gegen das
politische Establishment.
Die «Tales of Beatnik Glory» erzählen genau zehn Jahre (1957-67)
aus dem Leben ihres Autors, doch versprach dieser im Vorwort zum zweiten
Band der deutschen Ausgabe, einen vierten Band seiner Chronik mit weiteren
Hippie- Vignetten aus den ereignisreichen Jahren 1968 bis 1969 nachzuliefern.
Wir würden uns freuen, da Sanders mit einer gehörigen Portion Selbstironie
zu erzählen weiss - und ohne Verbitterung, doch voll satirischem Witz,
denn die schrägen Vögel von der Lower East Side geben, wie man sich denken
kann, zu anhaltender Heiterkeit Anlass.
Florian Vetsch
Ed Sanders: Sommer der Liebe / Tales of Beatnik
Glory. Aus dem Amerikanischen von Erwin Einzinger. Hannibal-Verlag. St. Andrä-Wördern
1997. 260 S., Fr. 35.-.
Ders.: Die Freaks von Greenwich Village / Tales
of Beatnik Glory. Aus dem Amerikanischen von Pociao. Hannibal-Verlag, St. Andrä-Wördern
1998. 320 S., Fr. 35.-.
Ders.: East Side Blues / Tales of Beatnik Glory.
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid. Hannibal-Verlag, Höfen 2002.
268 Seiten. Fr. 35.90.